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Stoffelhaus

Profane Wandmalereien des 14. Jahrhunderts in Fürstenau

Fürstenau nennt sich die kleinste Stadt der Welt. Mit rund 25 (in Worten: fünfundzwanzig) Einwohnerinnen und Einwohnern im ummauerten Bezirk ist die Stadt tatsächlich recht klein. Sie liegt auf dem Felssporn eines Querriegels im Talgrund des inneren Domleschg. Bereits im 12 Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt, erhält Fürstenau 1354 das Stadtrecht, d.h. das Recht auf Kerker, Stock und Galgen sowie die Abhaltung von zwei Jahrmärkten.

Mein Fussweg nach Fürstenau beginnt in Paspels, so früh wie es der ÖV-Fahrplan zulässt. Die Sonne ist eben über dem Berg und erhellt die Wohntürme von Alt- und Neu-Sins. Bei noch angenehm frischer Temperatur lasse ich Dusch mit Maria Magdalena für einmal links liegen, dafür betrachte ich in Ruhe die Obstgärten um Paspels mit den hochgewachsenen Birnbäumen. Beim Canovasee taucht die Sonne Ufer und umgebenden Wald bereits in eine zauberhafte Stimmung. In Almens ist es nun recht warm und in Fürstenau schon heiss. Da freue ich mich doppelt auf das Ziel meiner Wanderung: das Stoffelhaus, ein stattliches Steinhaus, kühl ohne Klimaanlage.

Das Stoffelhaus hatte im Städtchen Fürstenau eine zentrale Stellung. Nicht nur war die Nordfassade in die Stadtmauer integriert, sondern auch die beiden Stadttore grenzten an seine Aussenmauern. Diese wurden erst beim Wiederaufbau nach dem Brand von 1742 aufgehoben. Erwähnt wird das Stoffelhaus bereits im 14. Jahrhundert. Aus dieser Zeit stammen auch die Wandmalereien im zweiten Geschoss. Mit einer Jagdszene und (vermutlich) einem Viehraub gehören sie nebst den Malereien im Schloss Brandis in Maienfeld (Fresken des Waltensburger Meisters) und auf Schloss Rhäzüns zu den drei profanen Wandmalereien, die in Graubünden aus dem 14. Jahrhundert bekannt sind. Die Seccomalereien zeigen eine Hirschjagd mit einem weissen Hirschen, einem in der höfischen Kunst beliebten Motiv.

1986 wurde das Stoffelhaus Eigentum der Stiftung Johann Martin von Planta, die den Zweck hat, ein Museum für die Region Domleschg rechts des Rheins zu errichten und zu führen und kulturelle Veranstaltungen durchzuführen. Die erste Teilrestauration wurde  Mitte 2000 abgeschlossen. Heute beherbergt das Stoffelhaus das Domleschger Talmuseum. Hier werden die Wandmalereien mittels Text- und Bildtafeln erläutert. Die aktuelle Sonderausstellung «Franzose mit de rote Hose» thematisiert die Geschichte aus der Zeit des Deutsch-französischen Krieges 1870/71 und dessen Auswirkungen auf Graubünden. Anlass hierzu ist ein Bild im Inventar des Stoffelhauses, das General Hans Herzog mit seinem Stab zeigt, in dem auch Franz Albert von Planta gedient hat. Der Ausstellungsbesuch im Stoffelhaus lässt sich mit einer Führung durch Fürstenau verbinden.

Obwohl das Stoffelhaus im 14. Jahrhundert erst nach der heute bekannten Zeit des Waltensburger Meisters erbaut wurde, ist es gut möglich, dass der Meister Fürstenau besucht hat, etwa auf dem Weg von Dusch ins Schams, wo er gleich an fünf Orten tätig war.

Quellen:
Dietmar von Blumenthal: Das Stoffelhaus der Stiftung J.M. von Planta, Fürstenau, in: Plasch Barandun: Das Domleschg / La Tumgleastga. Verlag Bündner Monatsblatt o.J. [2004]
Markus Rischgasser: Fürstenau – Stadt im Kleinstformat. Bern 2001. Schweizerische Kunstführer.

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