Zum Hauptinhalt springen

Südwärts

Pitasch liegt an einer seit dem Frühmittelalter begangenen Alpentransversale Richtung Süden.

Welche Wege hat der Waltensburger Meister bei seiner Tätigkeit eingeschlagen? Wie hat er die 16 Orte erreicht, an denen er gemalt hat? Er war wohl nicht alleine unterwegs, denn den „Waltensburger Meister“ kann man sich nicht als individuellen Künstler nach heutigem Muster vorstellen, vielmehr als Vorsteher einer Handwerker-Werkstatt, deren Mitglieder die Pigmente zubereiteten, den Verputz anrührten und auftrugen, das Gerüst aufbauten, zeichneten, malten.

In Pitasch schuf die Werkstatt des Waltensburger Meister an der Aussenwand der Kirche einen riesigen Christophorus und einen seinen Mantel teilenden Martin ganz oben unter dem Dach. Gross musste der Christophorus sein, um seine Wirkung bestmöglich zu entfalten. Bereits seit dem 6./7. Jahrhundert wird er verehrt. Als Patron der Pilger soll sein Anblick Schutz vor dem unerwarteten, jähen Tod bieten. Daher sind in der Schweiz monumentale Cristophorusdarstellungen häufig entlang der mittelalterlichen Verkehrswege zu finden. Pitasch liegt denn auch an einer seit dem Frühmittelalter begangenen Alpentransversale von Elm über den Segnespass nach Flims und via Pitasch übers Güner Lückli ins Safiental, von dort über den Safierberg und den Splügenpass nach Chiavenna.

Heute erreicht man Pitasch nicht mehr über die Rheinbrücke bei Castrisch, sondern über Ilanz auf der Strasse nach Vals. Bei der Pitascher Mühle (Mulin da Pitasch) heisst es, das Postauto zu wechseln und den Talboden zu verlassen. Steil geht es hoch zum noch ursprünglichen Bergdorf mit rund 100 Einwohnerinnen und Einwohnern. Anstatt das kleine Postauto zu nehmen, kann man auch dem Waldrand entlang auf einem Pfad die rund 260 Höhenmeter überwinden. Ich wähle die bequemere Variante.

Von der Postautohaltestelle ist es nicht weit zur Kirche, von der man zunächst die Nordseite erblickt. Auffallend ist das sichtbare Mauerwerk, aufgebaut aus diagonal gesetzten plattenförmigen Lagen aus Bruch- und Feldsteinen, vorwiegend im Ährenverband. Die Fugen sind mit Mörtel gefüllt (Pietra rasa) und mit Kellenstrichen nachgezogen. Bei einzelnen Elementen aus gehauenem Tuffstein (wie Tür- und Fensterbogen) sind die Fugenstriche mit Kalk weiss nachgezogen. Dies gilt als Beweis, dass das Mauerwerk bereits beim Bau im 12. Jahrhundert sichtbar sein sollte. Daher hat man bei der Restaurierung  von 1976 – 1981 den Verputz aus dem 19. Jahrhundert auch entfernt. Dabei sind die Malereien des Waltenbsurger Meisters zum Vorschein gekommen.

Auch Innen ist die Mauer nicht verputzt. Der von vier kleinen Fenstern – eines davon in der halbkreisförmigen Apsis – erhellte romanische Saal wirkt dadurch sehr kräftig und ruhig. Die Realität des Bergdorfes, die Aussenwelt dringt nicht herein – erst um 11 Uhr, als die Glocken läuten.

Den Weg zurück nach Mulin da Pitasch gehe ich zu Fuss. Eine knappe halbe Stunde dauert die kurze Wanderung, die einen eindrücklichen Blick ins Tobel und ins Lugnez bietet. Doch der Weg ist derart steil, dass ich froh bin, am Morgen nicht zu Fuss hoch gegangen zu sein. Dies bleibt eine Herausforderung. Vielleicht im Herbst, wenn es nicht mehr so heiss ist?

Quellen:
Denise Ellenberger: Kirche Pitasch. Bern 1988. Schweizerische Kunstführer.
Oskar Emmenegger: Historische Putztechniken. Zürich 2016. Triest Verlag.

zurück zur Übersicht

Kommentare (0)

Momentan keine Kommentare

Ihr Kommentar